Digitales Belvedere, Wien. The Museum System (Gallery Systems), in: Museum Aktuell, 2008, Nr. 5: Anwendererfahrungsberichte zu Inventarisationsprogrammen (Download-Zusatzservice), S. 20–21

Ralph Knickmeier

Der Digitalisierungsprozess im Belvedere ist eingebettet in eine gesamteuropäische Entwicklung. Er geht zurück auf die IT-Initiative eFit Austria, mit der das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (bm:bwk) die bildungspolitischen Ziele realisiert hat, die auf dem EU-Gipfel im portugiesischen Feira als eEurope-Aktionsplan im Juni 2000 beschlossen worden waren.[1] Dabei bündelt der Teilbereich eCulture Austria Maßnahmen, die einen raschen und unkomplizierten Zugang zum kulturellen Erbe für alle Bildungs-, Forschungs- und Kultureinrichtungen ermöglichen sollen.[2]

Im Rahmen eines von Seiten des Bundesministeriums von November 2002 bis Oktober 2006 in Auftrag gegebenen Anschubprojektes wurde der gesamte Sammlungsbestand des Belvedere einer Revision unterzogen. Die weitaus meisten Kunstobjekte sind für die Visualisierung digitalisiert, die Fotos durch ein aufwendiges Verfahren vielfach, insbesondere auf ihre Farbechtheit hin, überprüft worden. Für das Erfassen, Zusammenführen und Abrufen der digitalen Daten erwarb das Belvedere mit The Museum System (TMS) von Gallery Systems eine der weltweit führenden Museumsdatenbanken, einschließlich des Zusatzmoduls eMuseum zur Präsentation der Objekte im Internet.

Die Verwirklichung des Digitalen Belvedere berührt indessen Fragen grundsätzlicher Natur, die weit über die reine Softwareentscheidung hinausreichen und einen Bewusstseinswandel spiegeln, der sich auch innerhalb der Fachdiskussion vollzieht.[3] Der Digitalisierungsprozess geht zudem mit vielfältigen, nicht nur logistischen Umstellungen einher und der Abstimmungsbedarf ist immens. Ein nicht unerhebliches Entscheidungskriterium für die Wahl von TMS war daher auch der Wunsch langfristiger Synergieeffekte durch die Kooperation mit anderen österreichischen Museen und Sammlungen, welche die gleiche Software nutzen. Darüber hinaus hat sich zu Beginn des Jahres 2007 im Raum Wien eine ständige Arbeitsgruppe österreichischer TMS-Administratoren gebildet, die einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch und gegenseitige praktische Hilfe pflegt.

Inzwischen hat im Belvedere eine zweite Phase der Digitalisierung begonnen. Nachdem zunächst die Einbindung der Bild- und Stammdatendigitalisate der hauseigenen Sammlungsbereiche – Mittelalter, Barock, 19., 20. und 21. Jahrhundert – im Vordergrund stand, richtet sich der Fokus nunmehr auf die Implementierung von Kontextdigitalisaten. Weiterhin geht es darum, die Nutzung der neuen IT-Ressourcen auf eine breitere personelle Basis zu stellen. Neben der Optimierung des betriebsinternen Workflows via TMS, gehört dazu auch die besonders für Ausstellungsprojekte notwendige Aufnahme von Fremd- bzw. Referenzobjekten.

Die von Gallery Systems entwickelte Software TMS ist eine relationale visuelle Datenbank zur Erfassung, Katalogisierung, Beschreibung und Verwaltung von Objektsammlungen. Durch die konsequent modulare Struktur werden die gespeicherten Informationen in kleinere Einheiten zerlegt, in Sinngruppen wieder zusammengeführt und bleiben dennoch nahezu beliebig kombinierbar. Der Zugriff erfolgt sowohl über das Bild wie das Wort.

Bildsteuerung

Der nach Anzahl der Datensätze umfangreichste TMS-Baustein im Belvedere ist das Medienmodul, in welchem die Bildverwaltung des Systems vorgenommen wird. Es ist standardmäßig mit allen übrigen Modulen verbunden und bietet die Grundlage für eine Reihe visueller Anzeigeoptionen im Objektmodul, wie die des "Leuchtpultes", der "Liste mit Abbildungen" oder der Ansicht "Hierarchie". Die dort eingebunden Miniaturen (Thumbnails) werden beim Bildimport automatisch erstellt und gewöhnlich im Programmspeicher verwaltet. Über diese Kleinansichten gelangt man zur Vollanzeige in einem integrierten Bildbetrachter, der auf die größeren Voransichten (Previews) des digitalen Bildarchivs zugreift.

Im Belvedere werden sowohl die Voransichten als auch alle übrigen digitalen Medien auf einem separaten Server vorgehalten und durch ein spezielles Storage- und Backupsystem gesichert. Die Struktur der Dateiordner ist einfach definiert und mit flachen Hierarchien untergliedert: auf den Medientyp folgt der Sammlungsbereich und schließlich eine von vier qualitativen Bildkategorien. Als Ausgangspunkt für die Benennung der Bilddateien wurde die Inventarnummer der Objekte gewählt, durch die auch die Datensätze im Objektmodul eindeutig gekennzeichnet sind. Dazu musste die historische Syntax der Sigel allerdings an die Erfordernisse von Dateinamen angepasst werden. Referenz- oder Fremdobjekte erhalten ein entsprechendes Präfix vor der Laufnummer (z.B. "Ex" für externe Objekte).

Das Medienmodul von TMS zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die unterschiedlichsten Aspekte kohärent und problemlos miteinander verschränkt werden können, vorausgesetzt die einzelnen Medien erhalten eine eindeutige Benennung. Hierfür differenziert das System zwischen größeren "Medieneinträgen", einzelnen "Darstellungen" und den spezifischen zugehörigen "Dateien". So kann der Datensatz eines Medieneintrages etwa die analoge fotografische Originalaufnahme (Ektachrom) eines Gemäldes mit Rahmen und Farbkeil erfassen, die gescannte unbearbeitete Reproduktion (Rohbild), eine für die Vermarktung digital zugeschnittene und eventuell leicht korrigierte Endfassung (Feinbild) sowie die daraus konvertierte komprimierte Voransicht für die Datenbank. Alle diese Medien werden in Bezug auf die Geschichte ihrer Generierung und Gemeinsamkeiten in der inhaltlichen – nicht zuletzt auch rechtlichen – Darstellung zusammen, im Hinblick auf ihren Medientyp, die Umlaufverwaltung, den Herstellungs- oder Kontrollprozess aber getrennt angesetzt.

Sprachsteuerung

Während die Einbindung der Bilddigitalisate schon aufgrund der technischen Arbeitsschritte auf einen begrenzten Personenkreis reduziert bleiben muss (TMS-Systemadministrator, Registrar, Fotograf, Reproanstalt, Bildarchivar etc.), kann sich die Datensammlung erst mit den vielfältigen Texteinträgen wirklich betriebsintern öffnen, weitet sich damit doch zugleich auch der Kreis der an der Eingabe beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Das TMS bietet mehrere Möglichkeiten dafür: Zum einen offeriert die Software eine Reihe unterschiedlicher Feldtypen mit mehr oder weniger begrenzt editierbaren Eingabeoptionen (Freitextfelder, Dropdown-Listenfelder, Zoomfelder, die zu weiteren Freitextfeldern oder spezifischen Dialogfeldern – etwa für Datumsangaben – führen). Zum anderen lassen sich bei ausgewählten Aspekten Mehrfacheinträge oder Varianten anlegen (im Objektmodul beispielweise verschiedene Arten von Werktiteln, in unterschiedlicher Sprache). Es tut sich hier eine Freiheit auf, die im Interesse des Retrievals und der Datenverwaltung zumindest gesteuert, wenn nicht gar gelegentlich eingeschränkt werden muss. Kurz: redaktionelle Absprachen sind notwendig, die hauseigene Schreibkonventionen definieren und übergeordneten Standards genügen, etwa nach RSWK oder RAK.[4] Das TMS hält außerdem die Option vor, jedem Eingabefeld eigene kontextsensitive Hilfetexte zu hinterlegen, die im Belvedere mit praktischen Ausfüllhinweisen und Beispielen angereichert sind.

Als zentrales Werkzeug digitaler Sprachsteuerung dient primär jedoch das Thesaurusmodul, dessen Wortschatz über einen separaten Manager angelegt und organisiert wird. Dieses Element ist in alle übrigen Module integriert und kann zugleich auf einfache Weise kurzfristig programmspezifische Desiderate mildern, insofern als durch dessen Einsatz nicht für jeden haus- oder abteilungsspezifischen Aspekt separate Felder definiert werden müssen, die bei späteren Software-Updates Probleme bereiten könnten.

Im Belvedere wurden bisher rund ein dutzend Thesauri angelegt, weitere befinden sich in Planung. Diese lassen sich entweder über attributive Verknüpfungen mit ganzen Datensätzen verbinden oder stehen in Form ausgewählter Abschnitte als Schlagwortvorgaben hinter spezifischen Feldern. So gibt es beispielsweise je einen Thesaurus für Objektarten, Personenkategorien oder inhaltlich klassifizierende Sujets ("Akt", "Bildnis", "Stillleben"). Über den Zeit-Thesaurus lassen sich gegenwärtig verbale und damit gegenüber exakten Datierungen instabile Epochen- und Stilbezeichnungen abfragen, denkbar wären künftig aber auch historische Ereignisse oder sich überlagernde numerische Zeitabschnitte, welche die TMS-Zeitverwaltung ergänzen. Die Bibliothekssystematik des Belvedere spiegelt sich in der Schlagwortsammlung zum Literaturmodul, auch für das Ausstellungsmanagement ist ein separater Wortschatzfundus angelegt, mit dessen Hilfe einzelne Objekte unterschiedlichen Themenabschnitten einer Präsentation zugeordnet werden können. Darüber hinaus hat sich ein eigener Thesaurus für betriebsinterne Arbeitsabläufe bewährt, der als Checkliste dient.

Mit Beginn des Jahres 2007 wurde im Belvedere erfolgreich die Einbindung von Iconclass® in TMS getestet und ein Datenvolumen von etwa einem Sechstel der Sammlung verschlagwortet. Die Notation steht bei den deutschsprachigen Deskriptoren in Form von Äquivalentbegriffen, um die Multilingualität dieser Systematik zu gewährleisten. Gelegentlich sind ebendort auch ergänzende Schlagwörter als Nichtdeskriptoren mit Verweis hinzugefügt, die Iconclass-Anmerkungen und Quellennachweise (wie etwa die Bibelstellen der Notationsgruppe 7) als "Vermerke zum Bereich" festgehalten. Das System der "Keys" konnte nur in einer eingeschränkten Form von Nebenzweigen aufgenommen werden, das aber vorerst ausreichend funktioniert. In Kombination mit dem Iconclass Libertas Browser[5] lässt sich nun ein beliebiges Motiv zusätzlich in unterschiedlichen Sprachen nachschlagen und die Datenbank des Digitalen Belvedere nach entsprechenden Bildern befragen, indem man die gefundene Notation direkt in den Objekt-Suchassistenten von TMS eingibt.

Ergänzend zu Iconclass wurde ein kleiner, aber wirkungsmächtiger Thesaurus zur Bildorganisation entwickelt, der einen Vorschlag des MIDAS-Handbuches aufgreift, in welchem Lutz Heusinger auf Wolfgang Kemp verweist: "Der Anteil des Betrachters", München 1983. Mit diesem Tool können Eigenschaften von Kunstwerken angegeben werden, die der Strukturierung der Rezeption der Objekte durch den Museumsbesucher dienen ("Blickkontakt", "Froschperspektive", "Repoussoir").[6]

Verfasser

Geb. 1958 in Karachi, Pakistan. 1981–1989 Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Deutschen Altertums- und Volkskunde an der Universität Hamburg. 1990–1992 Stipendiat am Hamburger Graduiertenkolleg "Politische Ikonographie". 1997 Promotion mit einer Arbeit über das Hamburger Domhochaltarretabel ("Der vagabundierende Altar"). Berufliche Tätigkeiten zunächst als Kunsthandwerker, anschließend im Museumskontext, Antiquitätenhandel und Kunstauktionswesen. 1995–2000 freier Mitarbeiter im Landesmedienzentrum Hamburg. Kuratierung von Ausstellungen zur Skulptur des 19. Jahrhunderts. 2001–2005 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig. Forschung und Lehre im Bereich der Politischen Ikonographie des Mittelalters und der Moderne sowie zur Digitalen Kunstgeschichte. Seit 2006 Leiter des Digitalen Belvedere in Wien.

www.belvedere.at
www.ralph-knickmeier.de

Anmerkungen

  1. Mit dem 1. März 2007 wurden die Agenden des bm:bwk vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur resp. vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung übernommen. [28.05.2008] URL: http://www.bmukk.gv.at.
  2. Zu den österreichischen Digitalisierungsprojekten und Initiativen für die Erhaltung des kulturellen Erbes führt die Webplattform Digital Heritage in Austria, die als nationale Informationsquelle und Referenzstelle eingerichtet worden ist. [28.05.2008] URL: http://www.digital-heritage.at.
  3. Zur kunsthistorischen Standortbestimmung und den neuen Wegen im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, die sich mit dem Wechsel der Medien eröffnen, siehe Kwastek, Katja/ Kohle, Hubertus (Hg.): Digitale und digitalisierte Kunstgeschichte. Perspektiven einer Geisteswissenschaft im Zeitalter der Virtualität. In: Zeitenblicke 2 (2003), Nr. 1. [28.05.2008] URL: http://www.zeitenblicke.de/2003/01.
  4. Deutsche Nationalbibliothek, Arbeitsstelle für Standardisierung (Hg.): Regeln für den Schlagwortkatalog. RSWK. Leipzig 32007. [28.05.2008] URL: http://files.d-nb.de/pdf/rswk_gesamtausgabe.pdf. URN: urn:nbn:de:1111-20040721235. – Deutsche Nationalbibliothek, Arbeitsstelle für Standardisierung (Hg.): Regeln für die alphabetische Katalogisierung in wissenschaftlichen Bibliotheken. RAK-WB. 22006. [28.05.2008] URL: http://files.d-nb.de/pdf/rak_wb_netz.pdf. URN: urn:nbn:de:101-2007072711.
  5. [28.05.2008] URL: http://www.iconclass.nl.
  6. Heusinger, Lutz: Marburger Informations-, Dokumentations- und Administrations-System (MIDAS). Handbuch. Hg. v. Bildarchiv Foto Marburg, Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte, Philipps-Universität Marburg. München, London, New York, Paris 21992 (Literatur und Archiv, 4), S. 354–355.