Digitales Belvedere. Stöbern Sie mit Iconclass in unseren Online-Beständen nach unentdeckten Bildwelten zum österreichischen Kunstschaffen, in: Belvedere Magazin, 2015, H. 2, Herbst | Winter, S. 30–31

Ralph Knickmeier

Wenn man die Kunstsammlungen des Belvedere einmal aus der Perspektive des Flaneurs betrachtet, also die strenge Analyse der jeweiligen Bildaufgabe ein wenig zurücknimmt, um neue Blickwinkel aufzusuchen, dann wird man erstaunt feststellen, wie reichhaltig sich dem Museumsbesucher das motivische Spektrum darbietet. Für die strukturierte Erfassung und Erschließung dieser Bildinhalte nutzt das Digitale Belvedere ein multilinguales und damit international gebräuchliches System namens Iconclass, das der Niederländer Henri van de Waal (1910–1972) entwickelt hat und das heute vom Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie in Den Haag betreut wird. Inzwischen haben wir knapp die Hälfte der Kunstsammlungen in unserer Onlinedatenbank frei zugänglich gemacht (digital.belvedere.at) und dabei auch deren Bildmotive neu gesichtet.

Die größte thematische Werkgruppe im Belvedere spiegelt die Facetten der menschlichen Gesellschaft, Zivilisation und Kultur. Allein ein Drittel davon widmet sich materiellen Aspekten des Alltaglebens, etwa dem Wohnen, dem Garten, Kleidung und Mode. Das zweite Drittel wird getragen von Darstellungen des Verkehrs- und Transportwesens, der Landwirtschaft, des familiären, ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Lebens, aber auch der Kriegsführung. Ein herausragendes Sujet in den Bildräumen des Belvedere stellen die Kunst als solche sowie ihr weites Umfeld dar: So haben sich viele der Künstler selbst bzw. gegenseitig visuell festgehalten. Rund vierhundert Künstlerbildnisse von Bildhauern, Grafikern, Architekten, Fotografen und insbesondere Malern werden umringt von Porträts von Komponisten, Musikern, Sängern, Schauspielern und Schriftstellern beiderlei Geschlechts. Eine kleine, wunderbare Folge von Kunsthistorikerporträts reiht sich in diesen Kontext ein.

Von buchstäblicher Weiträumigkeit zeigt sich die Motivgruppe rund um die Geschichte mit ihren Ereignissen, Personen, Orten, Räumen und Gegenständen. Dass es in der Österreichischen Galerie etliche Bilder der Alpen gibt, ist zu erwarten, vielleicht auch die ebenso häufige Darstellung des Mittelmeeres. Aber die Fülle von Reiseerzählungen aus allen Kontinenten und Weltmeeren überrascht dann doch. Während die meisten geografischen Österreichmotive natürlich Szenen aus Wien und Niederösterreich wiedergeben, fokussiert eine europäische Perspektive von heute zudem vorrangig Italien, Deutschland, Frankreich, Ungarn und Tschechien, ferner die neuen Länder des ehemaligen Jugoslawiens. Neben zahlreichen historischen Personen, die sich identifizieren lassen, stehen immer noch einige, deren Namen uns bisher unbekannt geblieben sind. Mit fortschreitender Onlinepublikation der Sammlung kommt es indes immer öfter vor, dass wir hierzu Hinweise von außen erhalten.

In der Werkgruppe Natur bildet das Thema Landschaft einen ersten Schwerpunkt der Kollektion. Man kann es in drei etwa gleichgewichtige Aspekte untergliedern: zum einen in Landschaften der gemäßigten Zone, wobei die Darstellung der Bergwelt erneut überwiegt, gefolgt von Wäldern und Küsten. Zum anderen in Gewässerlandschaften, hier insbesondere Wasserläufe, Teiche und Seen, aber auch gut einhundert echte Seestücke. Der dritte Aspekt schließlich zeigt Landschaften mit von Menschen errichteten Anlagen, wie Städte, Dörfer, einzelne Bauernhöfe oder abgelegene Häuser, Landschaften mit Burgen, Schlössern, Türmen, Ruinen, Brücken oder Mühlen. Alle diese Naturräume werden bevölkert von einer artenreichen Flora und Fauna, mit welcher man biologisch-historische Systematiken bebildern könnte. Zugleich fügen sie sich in ein umfassenderes Naturbild innerhalb der Kunst des Belvedere, das neben dem Leben auf dem Erdball auch die Himmelskörper sowie vielfältige Darbietungen von Naturphänomenen wie dem Wetter, dem Licht oder der Zeit vergegenwärtigt.

Im Zentrum aller Bildlichkeit steht jedoch selbstverständlich der Mensch, und hier wiederum die menschliche Figur, der corpo humano (Ripa). Mit Iconclass können wir nun gezielt nach Gebärden und Gebaren fragen, nach Teilen, Haltungen und Bewegungen des menschlichen Körpers. Zahlreiche Werke beschäftigen sich des Weiteren mit Geist und Verstand, mit dem Verlauf des menschlichen Lebens, Alter und Tod. In diese Gruppe gehören auch die Beziehungen zwischen individuellen Personen – Der Kuss von Gustav Klimt – und das Verhältnis von Mensch und Tier.

Wir laden Sie also ein, im Belvedere quer durch alle Sammlungen auf die Suche nach weiteren Bildwelten zu gehen, etwa nach den Darstellungen von Religion und Magie, den Erzählungen der Bibel, der klassischen Mythologie und der antiken Geschichte, der Literatur oder auch den modernen bis zeitgenössischen Werken der abstrakten, ungegenständlichen Kunst.