Der vagabundierende Altar, Berlin 2004 (Diss. phil. Hamburg 1996), S. 173–174

Ralph Knickmeier

Epilog


Die Gemäldetafeln des Hamburger Domhochaltarretabels sind heute in der Galerie für mittelalterliche Kunst des Nationalmuseums Warschau (Galeria Sztuki Średniowiecznej Muzeum Narodowego w Warszawie) wieder der Öffentlichkeit zugänglich und konnten jüngst in der Millennium-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle gezeigt werden. Diese Präsentation, von deren Vorgeschichte abschließend kurz berichtet sei, leitete eine Revision der Kunst des Mittelalters in Hamburg ein.[456]

Der Auftakt verbindet sich mit dem Jahr 1989, insofern erst die Öffnung der Grenzen zwischen West- und Osteuropa die Voraussetzungen für die Erkundung wichtiger, bereits länger brach liegender Forschungsfelder und fruchtbare wissenschaftliche Begegnungen schuf. Eine Folge der Wende war überdies die territoriale Neuordnung der katholischen Kirchenprovinzen. So wurde die Hansestadt Hamburg – 1150 Jahre nachdem die Wikinger Ansgar ins Hinterland vertrieben hatten – am 7. Januar 1995 durch die Inthronisation des Metropoliten Ludwig Averkamp wieder zum Erzbischofssitz erhoben und erhielt in St. Georg einen ›neuen‹ Mariendom.[457]

Dank der Vermittlung von Dr. Eckhard Schaar, erhielt der Verfasser am 24. Juli 1995 die Gelegenheit, die Befunde seiner Untersuchung dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, Prof. Dr. Uwe M. Schneede, sowie anschließend dem Senatsdirektor der Kulturbehörde Hamburg, Prof. Dr. Volker Plagemann, vorzutragen. Auf Betreiben der Stiftung Denkmalpflege Hamburg kam es 1997 dann zu einer Vereinbarung zwischen dem Nationalmuseum Warschau, der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg sowie dem Denkmalschutzamt Hamburg, nach welcher die Retabelflügel, einschließlich der acht überlieferten Aposteladdenda, in Form eines modellhaft angelegten polnisch-deutschen Gemeinschaftsprojektes in Hamburg restauriert und dort im Anschluß auch ausgestellt werden sollten.

Am 12. Dezember 1997 trafen die vier Retabelflügel in Hamburg ein. Die knapp zwei Jahre dauernde Restaurierung wurde in der – zur konservatorischen Betreuung sakraler Kunst – neu eingerichteten Werkstatt der Hauptkirche St. Jacobi von einem wechselnden dreiköpfigen Restauratorinnenteam vorgenommen und einem paritätisch besetztem wissenschaftlichen Beirat koordiniert. Die Finanzierung des Projektes ermöglichten die Hermann Reemtsma Stiftung, die Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH und die Stiftung Denkmalpflege Hamburg.[458]

Die Restaurierung wurde begleitet von einem internationalen Kolloquium, das im Juni 1998 in St. Jacobi stattfand,[459] sowie einer im September 2000 abgehaltenen analogen Tagung im Nationalmuseum Warschau. Über den Kontext des Retabels und den Fortgang der Restaurierungsarbeiten informierte eine dokumentarische Präsentation im Südschiff der Hauptkirche, während eine zweisprachige Wanderausstellung das Vorhaben auch außerhalb Hamburgs vermittelte. Diese war zum Tag des offenen Denkmals konzipiert und am 25. August 1999 im Posener Instytut Zachodni eröffnet worden, wo sie zugleich den Rahmen für die Historikertagung Polen und Deutsche – 60 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Geschichte und Zukunft bildete. Weitere Stationen waren die Marienburg, Warschau und Leipzig.

Auf der europäischen Messe für Denkmalpflege und Stadterneuerung denkmal 2000 in Leipzig wurde dem Nationalmuseum Warschau sowie der Stiftung Denkmalpflege Hamburg in Anerkennung des Gemeinschaftsprojektes um das Marienretabel eine Goldmedaille »für herausragende Leistungen in der Denkmalpflege in Europa« verliehen.


Anmerkungen

  1. Unter diesem Sammeltitel erschienen in einem gemeinsamen Schmuckschuber drei Publikationen: Ausst. Kat. Hamburg (Goldgrund) 1999; Ausst. Kat. Hamburg (Burgen) 1999; Plagemann (Kunst) 1999. – Siehe dazu auch die Veröffentlichung der Ende 1999 in St. Jacobi, Hamburg, gehaltenen Begleitvorträge in Plagemann 2000 sowie die Studie dess. (Kirchen) 1999.
  2. Herbort 13.1.1995. – St. Marien war 1890–1893 als erste Kirche seit der Reformation für den katholischen Gottesdienst in Hamburg erbaut worden, nach Plänen des Paderborner Diözesanbaurats Arnold Güldenpfennig. Hipp (Hamburg) 1989, S. 266.
  3. DSA Hbg 2001.
  4. Restauratorisch-kunsthistorische Begegnung vor dem Hamburger Domhochaltar, 5.6.1998, Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg.