Kaufmannsgeist & Kunsthandwerk: Der Schiffsmodellbauer Rolf Knickmeier

Ralph Knickmeier, Wien 20.6.2015

Rolf Knickmeier – mein Vater – wurde 1930 als Sohn der Hausfrau Ella Martha Marie geb. Friese (1894–1966) und des Leitenden Schiffsingenieurs mit Patent für deutsche Seeschiffe Carl Friedrich Knickmeier (1892–1968) in Hamburg geboren. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war sein Vater ausschließlich bei der Woermann-Linie in Heuer. Als die Kampfhandlungen begannen, befand sich dieser auf Großer Fahrt vor Afrika mit der Wangoni, dem einzigen der sechs deutschen Woermann-Schiffe, welchem nach einem geglückten Blockadedurchbruch 1940 die Rückkehr in den Heimathafen Hamburg gelang.[1] Später durfte der Sohn Rolf den Maschinisten gelegentlich auf Mittlerer Fahrt begleiten.

Nach einer Lehre zum Außenhandelskaufmann in Hamburg, arbeitete Rolf Knickmeier 28 Jahre lang als Kaufmännischer Leiter in der deutschen Bauindustrie. Er begann zunächst als Niederlassungsleiter bei der Baufirma Friedrich Holst in Karachi (Pakistan) und veränderte dann während der beruflichen Laufbahn mit seiner Familie vierzehn Mal den Wohn- und Lebensort aufgrund verschiedenster Einsatzgebiete in der Bundesrepublik Deutschland, wie dem Bau der Staustufe Müden an der Mosel oder der Mitwirkung an der Esso-Erweiterung in Köln. Schließlich erfolgte ein Branchenwechsel zum Deutschen Schauspielhaus in seiner Heimatstadt Hamburg, wo er als Leiter der Buchhaltung und des Rechnungswesen bis zur Pensionierung 1992 tätig blieb.

Mit seiner Ehefrau Margarete geb. Frank (1936–2013) hat Rolf Knickmeier drei Kinder: den Kunsthistoriker Ralph (geb. 1958)[2], die Meeresbiologin Katrin (1959)[3] und den Tischler und Holzbildhauer Rainer (1962)[4]. Über die maritime Prägung durch seinen Vater und eine dreidimensionale skizzenhafte Anregung von seinem jüngsten Sohn begann Rolf Knickmeier im März 1975 mit dem historischen Schiffsmodellbau. Aus dem anfänglichen Hobby wurde nach einigen Jahren ein zweites ökonomisches Standbein, so dass er sich entschloss einen Gewerbebetrieb anzumelden.

In der Frühphase entstanden zunächst Modelle nach Baukästen, die jedoch schon bald nicht mehr den Ansprüchen des Autodidakten genügten. So begann Rolf Knickmeier sich auch in wissenschaftliches Quellenmaterial einzulesen und nach original Museumsplänen und Werftmodellen zu arbeiten. Besonders beeinflusst hat ihn das Standardwerk von Wolfram zu Mondfeld[5] und die Publikationen über die Knochenschiffe der sog. Prisoner-of-War-Works.[6] Diese regten ihn schließlich auch an erste Modelle aus Elfenbein anzufertigen.[7] Später kamen Materialkombinationen mit Harthölzern wie Cocobolo oder Ebenholz hinzu.

Eines der Hauptwerke von Rolf Knickmeier sowie zwei weitere seiner Elfenbeinschiffe[8] befinden sich heute in der Schatzkammer des Internationalen Maritimen Museums Hamburg (IMMH): Die Wappen von Hamburg III wurde nach dem original Werftmodell im Hamburg-Museum auch unter Mitwirkung seiner Familie und wohl Matthias Streckfuß hergestellt, einem der besten Elfenbeinschnitzer im Odenwald, der die Galionsfigur des Neptuns sowie den Heckspiegel schuf.[9] Anlässlich der Fertigstellung kam es unter Vermittlung von Prof. Dr. Jörgen Bracker im Hamburg-Museum 1981 auch zu einer ersten Begegnung mit dem Sammler Prof. Peter Tamm.

Arbeiten dieser Dimension wurden nicht mehr für den Verkauf über den Kunst- und Antiquitätenhandel angefertigt, sondern waren Auftragswerke für Sammler. Von 1981 bis 1985 stieg sein Sohn Ralph – der Verfasser – in den Betrieb mit ein, um sich so sein Studium zu finanzieren. Drei Schiffsmodelle aus diesen Jahren waren für einen Kunden bestimmt, der ursprünglich auch die drei Schiffe orderte, die sich heute in der Sammlung Tamm (IMMH) befinden.[10] 1985 wurden die Arbeiten von Rolf Knickmeier auf der Jahresmesse der Kunsthandwerker im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Neuanfertigungen aus Elfenbein und Edelhölzern waren jedoch nur der eine Wirkungsbereich. Des Weiteren entstanden zahlreiche neue Schiffsmodelle aus europäischen Hölzern sowie insbesondere auch Restaurierungen alter historischer Modelle. Ein besonders herausragendes Objekt dieser Art war ein großer Ostindienfahrer (um 1775), den ein Bootsbauer oder Seemann gebaut hatte, und welcher die Werkstatt von Rolf Knickmeier nur noch zerlegt in Form hunderter Fragmente erreichte. An der Restaurierung und vor allem Konservierung wirkte auch sein Sohn Rainer mit. 1982 wurde das wieder hergestellte Modell im Auktionshaus F. Dörling in Hamburg zum Schätzpreis versteigert.[11]

Bereits früh begann seine Frau Margarete aus den Resten des Elfenbeins und der Edelhölzer Schmuck herzustellen. Was wie bei ihrem Mann eher als spielerisches Hobby begann, wandelte sich schon bald zu einer professionellen Konstante im Wirken des Familienbetriebes. Ihre Produkte verkaufte sie auf Weihnachts- und Kunsthandwerkermessen und zu ihren Kunden gehörten bald namhafte Juweliere, wie etwa Fa. Wilm am Hamburger Ballindamm. Später begann sie mit der Sammlung von historischen Puppenstuben und brachte es zu einer beachtlichen Kollektion. Seit 2013 befindet sich diese als Nachlass (Schenkung der Familie) im Kulturhistorischen Museum Rostock ihrer mecklenburgischen Heimat, wird gegenwärtig wissenschaftlich erschlossen und für eine Sonderausstellung vorbereitet.

Rolf Knickmeier hat aufgrund einer Augenerkrankung den Modellbau einstellen müssen. Er lebt heute bei seiner Tochter in Kiel.

Anmerkungen

  1. Wiki Wangoni (Schiff), URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Wangoni_(Schiff), [letzter Zugriff: 19.6.2015].
  2. Home: http://www.ralph-knickmeier.de/.
  3. Home: http://www.ipn.uni-kiel.de/de/das-ipn/abteilungen/erziehungswissenschaft/mitarbeiter/knickmeier-katrin.
  4. Home: http://www.tischlerei-knickmeier.de.
  5. Wolfram zu Mondfeld: Historische Schiffsmodelle. Das Handbuch für Modellbauer, 5. völlig neu bearb. u. erw. Aufl., München 1983.
  6. Etwa Ewart C. Freeston: Prisoner-of-War Ship Models. 1775–1825, London 1983.
  7. Das Elfenbein für die Modelle wurde unter Vermittlung des Deutschen Elfenbeinmuseums Erbach angekauft, über die dortige Zollstelle importiert und nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen durch eine CITES-Vermarktungsgenehmigung zur Verarbeitung und Veräußerung freigegeben.
  8. Rolf Knickmeier, Galeone Golden Hind, Bauzeit 530 Std., Fertigstellung Juli 1979, 1.100 g Elfenbein (Verbrauch), L: 50 cm, ehemals Privatbesitz. – Rolf Knickmeier, Oseberg-Schiff, Bauzeit 260 Std., Fertigstellung April 1986, 560 g Elfenbein (Verbrauch), L: 45 cm, ehemals Privatbesitz.
  9. Rolf Knickmeier, Konvoischiff Wappen von Hamburg III, Bauzeit 1.180 Std., Fertigstellung Oktober 1981, 2.860 g Elfenbein (Verbrauch), L: 52 cm, ehemals Privatbesitz. – Mitwirkende: Margarete Knickmeier (Seitentaschen am Heck und Hecklaternen), Ralph Knickmeier (Ruderstand, Anker, Beiboote und Takelage), Matthias Streckfuß zugeschrieben (Gallionsfigur und Heckspiegel).
  10. Ralph Knickmeier, Fregatte Berlin, Bauzeit 1.160 Std., Fertigstellung Oktober 1982, 1.800 g Elfenbein (Verbrauch), L: 25 cm, ehemals Privatbesitz. – Ralph Knickmeier, Amerikanischer Klipper Sovereign of the Seas (1852), Bauzeit 1.050 Std., Fertigstellung Oktober 1983, 3.600 g Elfenbein (Verbrauch) inkl. 25 Segel, L: 42 cm, ehemals Privatbesitz. – Ralph Knickmeier, Raddampfer Maryville, Bauzeit 1.160 Std., Fertigstellung Januar 1985, 2.400 g Elfenbein (Verbrauch), L: 67 cm, ehemals Privatbesitz.
  11. Aukt. Kat. F. Dörling, 104. Auktion, 25.–27.5.1982, Lot 5373: "Ostindienfahrer, Modell, um 1775. Mit einem Lateiner versehener Dreimaster, Modell eines Bootsbauers oder Seemanns. Seemännisch exakt gearbeitet. Auf Spanten geplankt (dreifach), Naturholz (dunkel) mit bemalten Zierleisten (gold, blau, rot und schwarz). Dreidecker mit Gangbord, bestückt mit 62 Geschützen: Die Kanonen und Lafetten des Großdecks sind vom Vorschiff bis achtern voll getakelt und sichtbar. Der Bugsprit mit in Voluten auslaufenden Galionsregeln und geflügelter Galionsfigur. Heckspiegel und Seitentaschen mit Reliefs. Galerie + Reling mit gedrechselten Säulen. An Deck mit zahlr. Details wie Ruderstand, Gangspill, Mastbetings, Nagelbänke, Niedergänge, Schiffsglocke, Lenzpumpe sowie mit Reliefs und Pilastern verzierten und durchsichtigen Türen und Fenstern. Stehendes und laufendes Gut exakt getakelt. Die Takelage entspricht der der Handelsschiffe gegen Ende des 18. Jh. und ist mit Ladetakel und Sorgleinen versehen. Länge ca. 200 cm, Breite (einschl. der Rahen) ca. 70 cm, Höhe ohne Ständer 145 cm. (536) (25000,-)"